Ein überzeugter Philologe ist nicht mehr unter uns.

Oberstudiendirektor i. R. Dr. Hans Gehr verstarb am 17. August.

Es war ihm nicht bestimmt, die einhundert Jahre zu vollenden und uns nicht vergönnt, noch einmal, wie an den zurückliegenden hohen Geburtstagen, seinen lebhaft vorgetragenen Erinnerungen zu lauschen: Den Erinnerungen an eine karge Kindheit und Jugendzeit während des 1. Weltkriegs und der Nachkriegszeit, an die Aufnahme in das Erasmus-Gymnasium Amberg 1917 als 50. Schüler der 1. Klasse, an das Studium der Fächer Latein, Griechisch, Deutsch und Geschichte und seit 1931 der Unterrichtstätigkeit an verschiedenen Gymnasien, an den 2. Weltkrieg als Kompaniechef und die Kriegsgefangenschaft, wobei er rückblickend selbst stets von „seinem glücklichen Schicksal“ spricht. Danach wird der überzeugte Altphilologe dem Gymnasium Hersbruck zugewiesen, dem er die Treue hält bis zu seiner Berufung 1966 zum Direktor des Erasmus-Gymnasiums in Amberg, seinem Gymnasium! Er setzt den erforderlichen Erweiterungsbau durch, der 1971 vollendet wird, und zum 375-jährigen Gründungsjubiläum errichtet er eine Stiftung „für Einrichtungen, Maßnahmen und Veranstaltungen…, die den humanistischen Geist des Erasmus-Gymnasiums in Amberg erhalten, … fördern und unterstützen“, die er mit 120.000 DM dotiert. Den Ruhestand verbringt er mit seiner geliebten Frau Berti, die ihm vor sechs Jahren in die Ewigkeit vorausging, in seinem Haus in Kainsbach bei Hersbruck, bis zuletzt an der kleinen und großen Politik interessiert. An seinem 99. Geburtstag bekennt er sich zum unverkürzten Gymnasium und schließt mit dem Satz: „Bei den Abiturienten muss Qualität vor Quantität gehen!“

Es konnte nicht ausbleiben, dass sich Hans Gehr auch im Bayerischen Philologenverband engagierte. Bereits 1931 trat er dem Verein bei, und von 1958 bis 1966 war er, als Nachfolger des legendären Dr. Hans Cramer, Bezirksvorsitzender in Mittelfranken und Mitglied des Hauptvorstandes des Verbandes, der ihn 1987 mit der Verleihung der Medaille „Pro Meritis“ ehrte.

Als Historiker veröffentlichte er verschiedene geschichtliche Abhandlungen und als Humanist, der stets auch die Naturwissenschaften und ihre Bedeutung in unserer Zeit im Blick hatte, arbeitete er an einer Kosmologie.

Ein großer Philologe ist nicht mehr. Es ist an uns, sein Vermächtnis zu bewahren.

Karl H. Martin