Unsere Berlinfahrt startete offiziell zwar schon um 7 Uhr, dem 4. Juli, doch so richtig realisierten wir, die 10. Klassen, unsere Destination erst, als unsere eigens kreierten Berlinfahrt-T-Shirts eine Stunde später ausgeteilt wurden und daraufhin das große Unterschriftensammeln begann. Die mehrmaligen Aufforderungen des Busfahrers, sich doch endlich wieder hinzusetzten stießen dabei auf taube Ohren. Nach insgesamt sieben Stunden Busfahrt der erste Shock, von außen sah unser Hotel Tiergarten, gelegen in Alt-Moabit, mit seiner circa 5 Meter breiten Fassade, eingepfercht zwischen dubios wirkenden Kleinwarenhändlern, etwas kümmerlich aus. Doch von innen entpuppte es sich dann doch als recht einladend und komfortabel, zudem konnte es, wie wir am nächsten Tag feststellten, mit einem breit gefächerten Frühstücksbüffet punkten. Doch zurück zum Anfangstag, nach einem kurzen Aufenthalt im Hotel machten wir uns schon mit der U-Bahn in Richtung Bundestag auf. Hier wäre nun Gelegenheit Herr Gräß zu zitieren, doch diesen speziellen Spruch wollen wir uns für die Abizeitung aufsparen. Im Bundesrat wurden wir zuallererst mit der Aufforderung empfangen, uns doch bitte zu entkleiden, was anhand der Tatsache, dass wir aufgrund der hohen Temperaturen ohnehin nicht mehr als T-Shirts und kurze Hosen trugen, nur durch verdutze Blicken unsererseits quittiert wurde. Nach diesem kurzen Missverständnis - der Führer hatte sich wohl doch eher auf unsere Rucksäcke bezogen - ging die Tour los. Nach Besichtigung des Sitzungssaals und des Plenarsaals sowie einigen Erläuterungen, bot sich uns die einmalige Gelegenheit, eine Sitzung in der originalen Location nachzuspielen. Der Gesetzesvorschlag zur Herabsetzung der Fahrerlaubnis auf 16 Jahre wurde einstimmig abgelehnt. Nach unserer vorbildlichen Mitarbeit wurde uns der Abend zur freien Verfügung überlassen.
Der nächste Tag startete mit einem Treffen mit Alois Karl, dem Bundestagsabgeordneten unseres Wahlkreises, der hierbei sogleich die Gelegenheit ergriff und mit Aaron, Leo und Benedikt namentlich Bekanntschaft schloss. Doch auch die anderen Schüler wurden nicht außer Acht gelassen, als er unser Wissen über die momentane Flüchtlingskrise der Reihe nach abfragte. Angesichts der anhaltend hohen Temperaturen war unsere Erleichterung groß, als wir erfuhren, dass die anstehende Stadtführung nicht wie gefürchtet zu Fuß zu observieren war, sondern mit unserem privaten Reisebus vonstatten gehen würde. Trotz der anfänglichen Warnungen unseres Stadtführers, dass die bevorstehende Tour dieselbe sein würde, die er auch seinen Seniorengruppen präsentiere, stellte er selbst sich als sehr kompetent und die Führung insgesamt als doch recht interessant heraus, auch wenn einige Schüler die Gelegenheit nutzten, den verpassten Schlaf der vorangegangenen Nacht nachzuholen. Nachdem wir unseren Nachmittag selbst gestalten konnten, gingen wir am Abend gemeinsam mit den Lehrern essen. Der Elternbeirat hatte sich hierbei ersichtlich bemüht, unsren kulturellen Horizont zu erweitern, indem er uns ein leckeres indisches Menü gesponsert hatte.
Der Freitag hatte uns im Voraus zu Unrecht Sorgen bereitet, mit Blick auf den sportlichen Terminplan. Nach einer 30-minütigen Wartepause vor dem, wie sich letztlich herausstellte dann doch falschen Museums, fanden wir nach einem kurzen Ortswechsel schließlich das von uns angestrebte Science Center. Dieses faszinierte sowohl die Schüler als auch die Lehrer mit vielen interaktiven Ausstellungsstücken, an welchen man etwaige physikalische und biologische Phänomene selbst erzeugen konnte. Zum Mittagessen blieb nicht viel Zeit, denn unser nächster Termin stand schon an: die Besichtigung der Stasi-Gedenkstätte in Hohenschönhausen. Jeder der drei Führer informierte uns anschaulich und sachkundig über die dunklen Seiten der DDR, indem uns die grausamen, größtenteils psychologischen Foltermethoden nahegebracht wurden. Als nächstes stand der Besuch des Reichstagsgebäudes auf dem Plan. Hier wurde uns von einer Doktorandin die Zusammensetzung und die Aufgaben des Bundestages erläutert, woraufhin wir die Glaskuppel des Reichstagsgebäudes besichtigten. Bequemer Weise lag die Fanmeile der WM direkt nebenan, und so fanden sich einige Schüler dort ein um im Anschluss das spannende Spiel zwischen Belgien und Brasilien zu beobachten.
Ehe wir uns versahen war der letzte Tag unseres Aufenthaltes schon angebrochen. Der Stadtführung in Potsdam sahen wir mit gemischten Gefühlen entgegen, den in diesem fortgeschrittenen Stadium der Reise waren wir alle dann doch ziemlich erschöpft - natürlich nur wegen der fortwährenden Hitze. Aufatmend konnten wir jedoch feststellen dass der erste Teil der Führung auch dieses Mal wieder im Bus stattfand, auch wenn der ausgeprägte Berliner Akzent des Reiseleiters einige seiner Witze unverstanden ließen. Obwohl die Besichtigung des Schlossparks von Sanssouci einen Fußmarsch mit sich zog, war dies doch zu verkraften, denn die schöne Landschaft entschädigte unsere Anstrengungen. Und ehe wir uns versahen, waren wir auch schon wieder zurück im Bus und traten unsere Heimreise an, die dann doch wesentlich ruhiger ausfiel als die Hinreise. Um halb sieben erreichten wir schließlich alle wohlbehalten das Erasmus-Gymnasium und unsere Berlinfahrt fand ihr Ende.

Text: Lilly Hüttner & Franziska Lehnert
Bilder: Benedikt Lueger

 

  • berlin1_0006
  • berlin1_0026
  • berlin1_0044
  • berlin1_0062
  • berlin1_0069
  • berlin1_0077
  • berlin_0079
  • berlin_0080
  • berlin_0081
  • berlin_0082
  • berlin_0083
  • berlin_0084
  • berlin_0085
  • berlin_0086
  • berlin_0087